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Kann man seinen Bindungsstil verändern?

  • Autorenbild: Anne Buhmann
    Anne Buhmann
  • 25. Juni
  • 5 Min. Lesezeit

Was die Forschung wirklich sagt – ehrlich, ohne falsche Versprechen


Paar sitzt nebeneinander auf einem Bett vor geöffnetem
Fenster und blickt nach draußen – Blogbeitrag über
Bindungsstil verändern und neue Beziehungserfahrungen
zulassen

Vielleicht hast du beim lesen der vorherigen Beiträge viel über dich verstanden. Dass du ängstlich gebunden bist. Warum du dir immer denselben Typ Mann aussuchst. Warum Nähe sich manchmal anfühlt wie eine Bedrohung.


Und dann kommt dieser eine Gedanke, der alles entscheidet:


„Schön und gut – aber bin ich jetzt einfach so? Für immer?“


Es ist die wichtigste Frage von allen. Und die Antwort der Forschung ist eindeutiger, als du vielleicht denkst.


Im Internet kursieren zwei Lager. Die einen sagen: „Dein Bindungsstil ist geprägt, da kommst du nicht raus.“ Die anderen versprechen: „In drei Schritten zur sicheren Bindung!“

Beide liegen falsch. Das erste Lager nimmt dir die Hoffnung. Das zweite verkauft dir eine Abkürzung, die es nicht gibt. Und du bleibst zurück mit der Frage, was denn nun stimmt.


Diese Frage entscheidet, ob du überhaupt anfängst, an dir zu arbeiten oder ob du resignierst, bevor du es versucht hast. Wer glaubt, festgelegt zu sein, verändert nichts. Wer die Wahrheit kennt, hat einen Ausgangspunkt.


Die kurze Antwort: Ja – aber nicht so, wie du denkst


John Bowlby, der Begründer der Bindungstheorie, hat es bereits 1988 klar formuliert: Innere Arbeitsmodelle von Bindung können sich verändern, zum Besseren wie zum Schlechteren, als Reaktion auf bedeutsame Beziehungserfahrungen über die gesamte Lebensspanne hinweg.


Das ist der entscheidende Punkt: Dein Bindungsstil ist kein Gen. Er ist ein gelerntes Muster. Und was gelernt wurde, kann durch neue Erfahrungen verändert werden. Nicht durch Willenskraft. Nicht durch positives Denken. Sondern durch Erfahrung.


Wenn du für diesen Artikel noch einen Überblick der verschiedenen Bindungsstile brauchst, dann lies diesen Artikel: "Warum suche ich mir immer den falschen Mann aus?" Das könnte auch hilfreich sein, um den restlichen Artikel gut einordnen zu können.


Der wichtigste Begriff: Erarbeitete Sicherheit


In der Bindungsforschung gibt es ein Konzept, das alles verändert: „earned security“ – erarbeitete oder verdiente Sicherheit.


Damit sind Menschen gemeint, die nachweislich ungünstige, teils belastende Kindheitserfahrungen gemacht haben und trotzdem als Erwachsene einen sicheren Bindungszustand erreicht haben. Sie waren nicht von Anfang an sicher gebunden. Sie sind es geworden.


Das Bemerkenswerte daran zeigt eine Studie von Saunders und Kolleginnen (2011): Erarbeitet-sichere Menschen haben genauso häufig sicher gebundene Kinder wie Menschen, die von klein auf eine sichere Bindung erlebten. Das heißt: Die erarbeitete Sicherheit ist nicht zweite Wahl. Sie ist echt und sie trägt sogar in die nächste Generation.

 

Was „erarbeitete Sicherheit“ bedeutet


Du kannst sicher gebunden werden, auch wenn du es nie warst.

 

Entscheidend ist laut Forschung nicht, was dir früher passiert ist, sondern, ob du eine kohärente, verstehende Beziehung zu deiner eigenen Geschichte aufbaust.

 

Das, was du erlebt hast, wird dadurch nicht verschwinden. Aber deine Beziehung dazu verändert sich.


Warum Veränderung trotzdem schwer ist


Jetzt die ehrliche Seite. Bindungsstile sind relativ stabil und das aus gutem Grund. Die Forschung beschreibt mehrere Mechanismen, die alte Muster aufrechterhalten.


  1. Wir suchen uns unbewusst Umgebungen und Partner, die unsere bestehenden Erwartungen bestätigen.

  2. Wir nehmen Situationen verzerrt wahr – so, dass sie zu unserem inneren Modell passen.

  3. Unsere Muster erzeugen sich selbst. Wer glaubt, nicht liebenswert zu sein, verhält sich oft so, dass er genau die Ablehnung hervorruft, die er fürchtet.


Das ist keine schlechte Nachricht. Es erklärt nur, warum Veränderung nicht über Nacht passiert und warum sie selten allein gelingt.

  

Bindung verändert sich in Beziehung – nicht im Alleingang.


Das ist der Punkt, den die meisten Ratgeber auslassen.

 

Dein Bindungsmuster ist in Beziehung entstanden, durch die Art, wie auf dich reagiert wurde. Und genau dort verändert es sich auch wieder: in einer Beziehung, die dir eine neue Erfahrung ermöglicht.

 

Die Forschung nennt das eine korrigierende Beziehungserfahrung. Sie kann durch eine sichere Partnerschaft entstehen, durch tiefe Freundschaften oder durch eine therapeutische bzw. beraterische Beziehung, die nachweislich ein eigenständiger Wirkfaktor für Veränderung ist (Ackerman et al., 2001).


Fünf Wege, deinen Bindungsstil zu verändern

 

Diese Schritte sind kein Programm mit Garantie. Sie sind die Hebel, die die Forschung als wirksam beschreibt, übersetzt in etwas, das du in deinem Alltag beginnen kannst.

 

1. Verstehe deine eigene Geschichte

Der stärkste Prädiktor für erarbeitete Sicherheit ist nicht eine schöne Kindheit. Es ist die Fähigkeit, eine stimmige, verstehende Geschichte über die eigene Vergangenheit zu erzählen. Nicht „mir ging es gut“, sondern „das ist passiert, so hat es mich geprägt, und ich verstehe heute, warum.“ Schreib deine Bindungsgeschichte einmal auf. Nicht um jemanden anzuklagen. Um zu verstehen.

 

2. Wähle bewusst Menschen, die dir eine neue Erfahrung ermöglichen

Wenn dein Muster durch unzuverlässige Nähe entstanden ist, brauchst du Erfahrungen von zuverlässiger Nähe, um es zu verändern. Das klingt simpel, ist aber radikal: Es bedeutet, dich bewusst Menschen zuzuwenden, die beständig sind auch wenn sich das anfangs „langweilig“ anfühlt, weil es dein altes Alarmsystem nicht aktiviert.

 

3. Übe, dein System aktiv zu beruhigen

Die Forschung zeigt, dass schon das gezielte Aktivieren von Sicherheitsgefühlen, etwa die Erinnerung an einen Menschen, bei dem du dich sicher gefühlt hast, deine Reaktionen messbar verändert (Mikulincer & Shaver, 2015). Wenn dein Bindungssystem das nächste Mal Alarm schlägt, ruf bewusst das Bild eines Menschen ab, bei dem du dich gehalten gefühlt hast. Du trainierst damit einen neuen inneren Reflex.

 

4. Erkenne den Moment, in dem dein altes Muster greift

Veränderung beginnt im Sekundenbruchteil zwischen Auslöser und Reaktion. Wenn er nicht antwortet und die Panik hochsteigt, das ist der Moment. Nicht die Panik ist das Problem, sondern die automatische Handlung, die folgt. Je öfter du den Moment bemerkst, ohne sofort zu reagieren, desto mehr Spielraum entsteht.

 

5. Hol dir Begleitung – weil Bindung sich in Beziehung verändert

Das ist kein Werbesatz, sondern das, was die Forschung am deutlichsten zeigt: Die therapeutische oder beraterische Beziehung ist selbst ein wirksamer Faktor für Veränderung. Eine sichere Bindung zu einem Gegenüber, das verlässlich und einfühlsam reagiert, kann genau die korrigierende Erfahrung liefern, die dein System braucht. Allein ist es schwerer, weil Bindung ihrem Wesen nach relational ist.

 

"Deine Geschichte steht nicht fest. Sie wird gerade geschrieben.

Von der, die anfängt, für sich einzustehen."


Die ehrlichste Antwort auf die Frage, ob man seinen Bindungsstil verändern kann, lautet: Ja. Nicht schnell. Nicht allein. Nicht durch einen Trick. Aber wirklich, nachhaltig und wissenschaftlich belegt.


Dein Muster hat dich bis hierher begleitet. Es war einmal die beste Lösung, die dir zur Verfügung stand. Heute darfst du eine neue Erfahrung machen und mit jeder neuen Erfahrung schreibt sich dein inneres Modell ein Stück um.


Dein nächster Schritt:


Wenn du verstehen willst, welches Muster du überhaupt mitbringst, beginne hier:

Bist du ängstlich gebunden? Diese Zeichen sprechen dafür

 

Und wenn du spürst, dass du diesen Weg nicht allein gehen möchtest: Genau dabei begleite ich Frauen. In einem geschützten Raum, in dem du eine neue Bindungserfahrung machen darfst.


Schau gerne auf meine Angebotsseite.

 

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