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Eigene Ressourcen erkennen: Der Weg zu einem stabileren Selbstwert

Autorenbild: Anne Buhmann
Anne Buhmann
29. Sept.
6 Min. Lesezeit
Frau geht durch ein sonnendurchflutetes Maisfeld, Symbolbild für das Gefühl, dass eigene Ressourcen erkennen ein warmes Gefühl auslösen

Du sitzt bei einer Freundin am Tisch. Sie erzählt dir, was sie an dir schätzt: dass du zuhören kannst wie kaum jemand, dass du in Krisen ruhig wirst, dass du immer die richtigen Fragen stellst. Und du sitzt da und denkst: Ach komm, das ist doch nichts Besonderes. Das macht doch jeder.


Nur macht das eben nicht jeder. Du siehst es nur nicht.


Wenn du das kennst, dieses Wegwischen von allem, was dir leichtfällt, während du bei anderen sofort ihre Stärken erkennst, dann liegt das nicht daran, dass du bescheiden bist. Es liegt daran, dass dein Selbstbild eingeengt ist. Und dieses Verengen hat direkt mit deinem Selbstwert zu tun.


Was dein Blick auf dich selbst mit deinem Selbstwert zu tun hat


In der psychologischen Selbstwertforschung gibt es einen Grundgedanken: Menschen mit stabilem Selbstwert sehen sich vollständig. Sie kennen ihre Stärken und ihre Schwächen. Menschen mit geringem Selbstwert sehen sich verengt, meistens auf das, woran sie sich abarbeiten, während die Bereiche, in denen sie stark sind, aus dem Blick fallen. Das ist ein Muster, das sich im Laufe des Lebens entwickelt hat, meist über viele Jahre, in denen der Blick auf bestimmte Aspekte trainiert wurde, während andere unbenannt blieben.


Wenn du das Grundprinzip verstehen willst, wie Selbstwert entsteht und warum wir uns oft so verzerrt sehen, habe ich das an anderer Stelle ausführlich beschrieben: in meinem Leitfaden zum Thema Selbstwert stärken. Was du hier liest, ist ein Ausschnitt davon: nämlich die Frage, wie du das eigene Bild von dir wieder weiter machen kannst.


Denn genau da liegt einer der wichtigsten Wege zurück zu einem stabileren Selbstwert. Nicht darin, dich zu verändern. Sondern darin, die Anteile in dir wieder wahrzunehmen, die du längst hast, aber übersiehst.


Was Ressourcen wirklich sind


Der Begriff, den die Psychologie dafür verwendet, ist Ressourcen. Und weil das nach Lehrbuch klingt, will ich es dir so erklären, wie es sich anfühlt:


Ressourcen sind alles, was dich trägt. Alles, was dir hilft, mit dem klarzukommen, was das Leben dir vor die Füße legt. Alles, worauf du zurückgreifen kannst, wenn es eng wird und alles, was leise im Hintergrund wirkt, auch wenn gerade nichts eng ist.


Grob unterscheidet man drei Bereiche:


Materielle Ressourcen – was du hast. Ein Dach über dem Kopf, finanzielle Stabilität, Zugang zu Wissen und Hilfe.


Soziale Ressourcen – wer für dich da ist. Familie, Freundinnen, Menschen, die zuhören, die anpacken, die dich kennen und trotzdem mögen.


Personale Ressourcen – was in dir ist. Deine Persönlichkeit, deine Art zu denken, deine innere Haltung, deine Fähigkeiten. Der Teil, der immer mit dir geht, egal wohin.


Alle drei greifen ineinander. Und alle drei sind wichtig. Aber der Bereich, um den es hier geht und der für deinen Selbstwert am direktesten wirkt, ist der dritte. Denn deine personalen Ressourcen sind das, was du in schwierigen Momenten in dir findest, wenn außen gerade wenig hält.


Warum du deine eigenen Stärken nicht als Stärken erkennst


Es gibt ein einfaches psychologisches Prinzip, das erklärt, warum wir bei anderen sofort Ressourcen sehen und bei uns selbst nicht:


Was uns selbstverständlich ist, nehmen wir nicht als Leistung wahr.


Du hörst zu, ohne dass du dich dazu zwingen musst. Du merkst Dinge, die andere übersehen. Du bringst Ruhe in Situationen, in denen andere die Fassung verlieren. Für dich fühlt sich das nicht wie eine Fähigkeit an. Es fühlt sich einfach an wie du.


Und genau da liegt die Falle. Weil du es nicht als Leistung erkennst, zählt es in deinem inneren Bewertungssystem nicht. Es taucht nicht auf, wenn du dich fragst: Was kann ich eigentlich? Es taucht nicht auf, wenn du dich mit anderen vergleichst. Es taucht nicht auf, wenn du dich fragst, warum du dich wertvoll fühlen solltest.


Deshalb sitzt du bei deiner Freundin am Tisch, bekommst gespiegelt, wer du bist und wischst es weg.


Der Koffer, den du seit Jahren mit dir trägst


Wenn ich mit Frauen an diesem Punkt arbeite, benutze ich oft ein Bild. Ich sage: Stell dir vor, deine bisherige Lebenserfahrung ist ein Koffer. Und in diesem Koffer liegt alles, was du schon gemeistert hast.


Jede Krise, durch die du gegangen bist. Jeder Neuanfang, den du gewagt hast. Jede Entscheidung, die du durchgezogen hast, obwohl es leichter gewesen wäre, sie nicht zu treffen. Jeder Moment, in dem du dachtest: Das schaffe ich nicht – und es doch geschafft hast, irgendwie.


Der Koffer ist voll. Bei jeder erwachsenen Frau ist er voll. Nur trägst du ihn manchmal jahrelang mit dir, ohne ihn aufzumachen. Weil du gelernt hast, nicht hineinzuschauen. Weil das, was drin ist, für dich selbstverständlich geworden ist. Weil du dich mit Frauen vergleichst, deren Koffer du nicht siehst, nur ihre polierte Außenseite.


Das Öffnen dieses Koffers ist einer der wichtigsten Schritte auf dem Weg zu einem stabileren Selbstwert. Nicht weil er dich stärker macht. Sondern weil er dir zeigt, dass du bereits stark bist.


Wie du deine eigenen Ressourcen erkennst – drei Wege


Ich gebe dir drei Ansätze. Sie sind unterschiedlich unbequem und unterschiedlich wirksam.


Der erste Weg: Rückblick mit anderen Augen


Nimm dir Zeit. Nicht zwischen Tür und Angel. Setz dich hin, mit Papier oder einem Notizbuch, und beantworte diese vier Fragen ehrlich:


  • Welche schwierige Situation habe ich in den letzten Jahren durchgestanden?

  • Was habe ich damals getan, nicht was ich hätte tun sollen, sondern was ich tatsächlich getan habe?

  • Was hat mir geholfen, was habe ich in mir gefunden, was mich getragen hat?

  • Und: Wer bin ich heute, weil ich das durchgemacht habe?


Schreib, was kommt. Ohne zu bewerten. Ohne zu denken "Das zählt nicht, das war doch normal". Es zählt. Es war nicht normal. Du hast das durchgezogen.


Wenn du am Ende auf das Blatt schaust, wirst du sehen: Da steht mehr, als du dachtest. Und in dem, was da steht, liegen deine Ressourcen. Nicht in einer Liste aus einem Ratgeber, in deiner eigenen Biografie.


Der zweite Weg: Frag Menschen, die dich kennen


Das ist der unbequemere Weg. Weil es leichter ist, sich klein zu halten, als sich spiegeln zu lassen.


Frag drei Menschen, denen du vertraust: Was schätzt du an mir? In welchen Situationen wendest du dich an mich? Was würdest du vermissen, wenn ich nicht da wäre?

Und dann, das ist der entscheidende Teil, wisch die Antworten nicht weg. Nicht mit "Ach, das übertreibst du". Nicht mit "Das machen doch alle so". Nicht mit einem verlegenen Lachen. Hör zu. Nimm es an. Notiere es dir.


Was du hörst, ist die Wahrheit über dich, die du selbst nicht sehen kannst, weil du zu nah dran bist. Es ist dein Selbstbild, ergänzt um die Anteile, die aus deiner Wahrnehmung herausgefallen sind.


Der dritte Weg: Beobachte, was dir leichtfällt


Das ist der stille Weg. Über Wochen. Achte darauf, was du machst, ohne dass es dich anstrengt. Wo du in einen Flow kommst. Wo die Zeit vergeht, ohne dass du es merkst. Wo Menschen dir sagen "Wie machst du das nur?" und du antwortest: "Ich weiß nicht, ich mach das einfach."


Genau da liegen deine tiefsten Ressourcen. Die, die so tief in dir verankert sind, dass sie sich für dich nicht mehr wie Fähigkeiten anfühlen. Sondern wie du.


Warum das dein Bin-Ich verändert


In dem Selbstwert-Modell, mit dem ich arbeite, gibt es einen Begriff: das Bin-Ich. Das ist dein aktuelles Selbstbild, wie du dich siehst, wenn dich jemand fragen würde: Wer bist du?


Bei geringem Selbstwert ist dieses Bin-Ich fast immer verengt. Du siehst dich über wenige Dimensionen: was du nicht kannst, was du hättest anders machen sollen, wo du hinter deinen eigenen Ansprüchen zurückbleibst. Die Anteile, in denen du stark bist, die fallen aus dem Bild.


Wenn du anfängst, deine Ressourcen wahrzunehmen, tust du etwas, das die Selbstwertforschung Selbstkomplexität nennt: Du weitest dein Selbstbild. Du siehst nicht nur die Baustellen, sondern auch das, was steht. Nicht nur die Unsicherheiten, sondern auch die Kompetenzen. Nicht nur, wo du hin willst, sondern auch, wo du bereits bist.


Ein komplexeres Selbstbild ist eines der zentralen Merkmale von stabilerem Selbstwert. Das ist psychologisch gut belegt. Wenn du zurück zum Anfang möchtest und verstehen willst, wie das alles zusammenhängt, findest du den vollständigen Weg auf meiner Seite zum Thema Selbstwert stärken.


Was am Ende bleibt


Ich sage nicht, dass das Erkennen deiner Ressourcen dein Leben verändert. Das wäre zu groß.


Was ich sage, ist: Es verändert, wie du dich siehst, wenn du dich das nächste Mal im Spiegel anschaust. Es verändert, was du in dir findest, wenn dir das nächste Mal etwas den Boden wegzieht. Es verändert, was du deiner besten Freundin antwortest, wenn sie dich fragt, was du eigentlich kannst.


Du trägst mehr in dir, als in deinem Selbstbild derzeit auftaucht. Nicht, weil du dich verändern musst. Sondern weil du dich wieder vollständig wahrnehmen darfst.

Der Koffer ist da. Er war immer da. Du darfst ihn aufmachen.


Wenn du tiefer einsteigen willst:


Dieser Beitrag ist ein Ausschnitt aus einem größeren Thema. Wenn du verstehen willst, wie dein Selbstwert entstanden ist, warum er dort steht, wo er steht, und welchen Weg es gibt, ihn Schritt für Schritt zu verändern, findest du das ausführlich hier:



Wenn du strukturiert und in deinem eigenen Tempo an deinem Selbstwert arbeiten möchtest, ist mein Selbstwert-Workbook Innere Heimat der nächste Schritt:



Wenn du 1:1-Begleitung suchst und schauen möchtest, ob wir zusammenpassen:




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