Psychologische Beratung oder Psychotherapie – was ist der Unterschied?
- Anne Buhmann
- vor 20 Stunden
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 14 Minuten

Viele Menschen spüren, dass sie Unterstützung gebrauchen könnten und stehen dann vor einer grundlegenden Frage:
Brauche ich psychologische Beratung oder ist eine Psychotherapie das Richtige für mich?
Diese Unsicherheit ist verständlich. Die Begriffe werden im Alltag oft unscharf verwendet, Angebote überschneiden sich sprachlich, und klare Abgrenzungen fehlen. Dieser Artikel soll Orientierung geben.
Warum diese Unterscheidung wichtig ist
Psychologische Beratung und Psychotherapie verfolgen unterschiedliche Ziele, unterliegen unterschiedlichen rechtlichen Rahmenbedingungen und richten sich an unterschiedliche Situationen. Wer diese Unterschiede aber auch einige Schnittpunkte kennt, kann besser einschätzen, welches Angebot zur eigenen Lebenslage passen könnte.
Gerade vor einer ersten Kontaktaufnahme hilft Klarheit:
Worum geht es mir gerade? Was brauche ich und was nicht?
Beratung und Therapie – warum die Abgrenzung nicht immer eindeutig ist
Die Frage, ob und wie sich psychologische Beratung und Psychotherapie voneinander unterscheiden, lässt sich nicht mit einem einfachen Satz beantworten. Auch in der psychologischen Fachliteratur existieren hierzu unterschiedliche Positionen (u. a. Perrez & Baumann; Cooper; Winiarski; Bamberger).
Einige Autor:innen vertreten die Auffassung, dass Beratung und Therapie letztlich dasselbe meinen – lediglich mit unterschiedlichen Begriffen. Andere gehen von klar unterscheidbaren Konzepten aus. Wieder andere beschreiben Psychotherapie als Teilmenge von Beratung oder verstehen beide als überlappende Bereiche.
Diese Uneinigkeit zeigt: Die Unterscheidung ist nicht nur eine fachliche, sondern auch eine begriffliche und gesellschaftliche.
Ein wichtiger Aspekt dabei ist, dass der Begriff Beratung von vielen Menschen als weniger stigmatisierend erlebt wird. Er ist nicht unmittelbar mit Vorstellungen von Krankheit oder psychischer Störung verbunden und wird daher als niedrigschwelliger wahrgenommen. In manchen Ansätzen – etwa in der lösungsorientierten Beratung – werden die Begriffe Beratung und Therapie deshalb bewusst synonym verwendet.
Der entscheidende Unterschied: Krankheitswert und rechtlicher Rahmen
Mit der Einführung der Psychotherapeutengesetze in Deutschland, Österreich und der Schweiz hat die Unterscheidung jedoch eine klare rechtliche Dimension erhalten. Psychotherapie ist seither ein geschützter Begriff.
Damit im engeren Sinne von Psychotherapie gesprochen werden kann – und eine Kostenübernahme durch die Krankenkasse möglich ist –, müssen mehrere Kriterien erfüllt sein:
Es liegt eine psychische Störung nach ICD oder DSM vor.
Es erfolgt eine diagnostische Abklärung.
Die Behandlung wird von approbierten Psychotherapeut:innen oder entsprechend qualifizierten Ärzt:innen durchgeführt.
Psychologische Beratung ist demgegenüber bei Problemen angezeigt, die kein klinisches Ausmaß haben. Sie kann von unterschiedlich qualifizierten Fachpersonen angeboten werden, etwa von Psycholog:innen ohne Approbation, Sozialarbeiter:innen, Pädagog:innen oder anderen professionell geschulten Beratenden.
Du möchtest noch eine weitere Einordnung von Heilpraktiker:innern und Psycholog:innen kennenlernen? Das findest du in meine Blogbeitrag "Wer darf was? Coaching, Beratung & Psychotherapie in Deutschland".
Was psychologische Beratung ist
Psychologische Beratung lässt sich als professionelle Begleitung bei der Lösung eines konkreten, umgrenzten Problems ohne Krankheitswert beschreiben.
Sie richtet sich an Menschen, die sich in einer herausfordernden Lebensphase befinden, sich selbst besser verstehen möchten oder Unterstützung bei persönlichen oder zwischenmenschlichen Themen suchen.
Typische Themen sind zum Beispiel:
Selbstwert und innere Stabilität
Beziehungsthemen und Konflikte
Entscheidungsprozesse
emotionale Belastungen ohne Krankheitswert
persönliche Entwicklung und Orientierung
Psychologische Beratung ist keine Behandlung psychischer Erkrankungen. Sie setzt dort an, wo Menschen grundsätzlich handlungsfähig sind, sich aber Begleitung wünschen, um innere Zusammenhänge zu sortieren, Muster zu verstehen oder neue Perspektiven zu entwickeln.
Die Zusammenarbeit ist freiwillig, ressourcenorientiert und auf Augenhöhe angelegt. Ziel ist nicht „Heilung“, sondern Verstehen, Klären und Stärken.
Was Psychotherapie ist
Psychotherapie ist eine Heilbehandlung. Sie dient der Diagnostik und Behandlung psychischer Störungen mit Krankheitswert, etwa Depressionen, Angststörungen, Traumafolgestörungen oder Essstörungen.
Psychotherapie darf in Deutschland ausschließlich von dafür zugelassenen Berufsgruppen durchgeführt werden, zum Beispiel von:
approbierten Psychotherapeut:innen
Ärzt:innen mit psychotherapeutischer Zusatzqualifikation
Sie basiert auf anerkannten Therapieverfahren und folgt klaren gesetzlichen Vorgaben. Häufig geht einer Therapie eine Diagnosestellung voraus, und der Behandlungsprozess ist in der Regel längerfristig angelegt.
Psychotherapie ist dann sinnvoll, wenn psychische Symptome den Alltag deutlich beeinträchtigen oder ein hoher Leidensdruck besteht.
Weitere Informationen findest du auf der Homepage der Bundespsychotherapeutenkammer (BPtK).
Gemeinsamkeiten und Unterschiede in der Praxis
Sowohl Beratung als auch Therapie finden im Rahmen einer helfenden Beziehung statt. In beiden Bereichen kommen psychologische Mittel wie Gesprächsführung, Reflexion, Übungen oder Rollenspiele zum Einsatz.
Der Unterschied liegt weniger in den Methoden als im Auftrag:
Psychotherapeut:innen müssen psychische Störungen diagnostizieren und behandeln können.
Berater:innen müssen keine Therapie durchführen, sollten aber in der Lage sein, Anzeichen psychischer Erkrankungen zu erkennen und gegebenenfalls weiterzuverweisen.
Gleichzeitig wird von Berater:innen häufig erwartet, dass sie über spezifische Fachkenntnisse in bestimmten Themenfeldern verfügen. Viele spezialisieren sich entsprechend, etwa auf Beziehungs-, Berufs-, Entscheidungs- oder Lebensfragen.
Unterschiede zwischen Beratungs- und Therapie-Klient:innen
Menschen, die psychologische Beratung in Anspruch nehmen, weisen in der Regel:
einen geringeren Leidensdruck auf
weniger Einschränkungen im Alltag
klar umrissene Fragestellungen
Sie erwarten häufig Orientierung, Einordnung, fachliches Wissen und Unterstützung bei Entscheidungen oder im Umgang mit schwierigen Situationen.
Therapie-Klient:innen hingegen erleben oft:
einen hohen Leidensdruck
diffuse, schwer greifbare Probleme
deutliche Beeinträchtigungen im Alltag
Therapeutische Prozesse sind meist längerfristig angelegt und zielen auf tiefgreifende Veränderungen im Erleben und Verhalten ab.
Beratung und Coaching – eine kurze Einordnung
Diese Arbeitsdefinition lässt sich auch auf Coaching übertragen. Ursprünglich war Coaching eine spezifische Form der Beratung für Führungskräfte und organisationsbezogene Fragestellungen. Im Laufe der Zeit wurde der Begriff jedoch stark ausgeweitet.
Heute gibt es kaum noch einen fachlichen Konsens darüber, ob und wie Coaching klar von Beratung abgegrenzt werden kann. In vielen Kontexten werden beide Begriffe daher synonym verwendet.
Transparenz und Abgrenzung
Psychologische Beratung ersetzt keine Psychotherapie und darf dies auch nicht versprechen. Gleichzeitig ist sie mehr als ein unverbindliches Gespräch: Sie basiert (je nachdem, welche Qulifikation, die beratende Person hat) auf psychologischem Fachwissen, professioneller Haltung und einer strukturierten Begleitung.
Wenn im Beratungsprozess deutlich wird, dass therapeutische Unterstützung notwendig wäre, gehört es zur professionellen Verantwortung, dies offen anzusprechen und weiterzuverweisen.
Wenn du dir trotz aller Informationen unsicher bist
Manchmal lässt sich auch nach sorgfältiger Information nicht eindeutig sagen, welche Form der Unterstützung die passende ist.
In solchen Fällen kann es sinnvoll sein, einen Termin bei einer psychologischen Beratung oder bei einer approbierten Psychotherapeutin bzw. einem approbierten Psychotherapeuten zu vereinbaren, mit dem ausdrücklichen Auftrag, gemeinsam abzuklären, welche Art von Begleitung in deiner Situation sinnvoll ist.
Diese Abklärung darf Teil des Prozesses sein. Wichtig ist nicht, sofort die „richtige“ Entscheidung zu treffen, sondern einen ersten Schritt in Richtung Unterstützung zu gehen.


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