Jahresende: Sanft loslassen und Raum schaffen
- Anne Buhmann
- 26. Dez. 2025
- 5 Min. Lesezeit

Das Jahresende lädt uns dazu ein, innezuhalten, oft ganz ungeachtet dessen, ob wir bewusst damit planen oder nicht. In dieser Zeit können wir Rückschau halten auf Erlebnisse, Gewohnheiten und innere Muster, die uns im vergangenen Jahr begleitet haben. Das Loslassen ist dabei kein symbolischer Akt allein, sondern ein psychologisch bedeutsamer Prozess, der Platz schafft: für Klarheit, Ruhe und neue Wege. Statt uns selbst mit Erwartungen oder „was hätte sein sollen“ zu überfordern, kann es hilfreich sein, mit Sanftheit zu reflektieren, was wir wirklich mit ins neue Jahr nehmen möchten und was wir nicht länger fortführen wollen.
Loslassen als innerer Übergang
Loslassen beginnt mit Akzeptanz, dem Erlauben, dass nicht alles erledigt werden muss, bevor ein neues Kapitel beginnt. Viele von uns tragen ungelöste Gedanken, kleine unerledigte Aufgaben oder unausgesprochene Gespräche mit sich herum. Das Gehirn liebt abgeschlossen erscheinende Geschichten; tatsächlich können offene Enden mental belasten und wie kognitive „Baustellen“ wirken. Ein bewusster Abschluss einfacher Dinge – eine Nachricht beantworten, eine kleine Aufgabe beenden, ein Gespräch führen – kann im Alltag mentalen Raum freigeben.
Es kann auch hilfreich sein, bewusst auf das zu schauen, was im vergangenen Jahr gelungen ist, nicht analytisch im Sinne von Leistung, sondern emotional: Welche Begegnungen haben dich geprägt? Welche Momente gaben dir ein Gefühl von Verbundenheit, Freude oder tiefem Atemholen? Diese positiven Erfahrungen zu benennen stärkt das innere Wohlbefinden und erleichtert einen liebevollen Abschied von Altem.
Körper, Geist und Loslassen
Loslassen ist nicht allein ein Gedanke. Unser Nervensystem reagiert auf Stress und Druck, und unser Körper speichert Belastungen oft länger als unser bewusster Verstand. Sanfte körperliche Signale - etwa verspannte Schultern, flacher Atem, inneres Ziehen – zeigen, dass das Nervensystem noch im Aktivierungsmodus ist. Bewusste Entspannung, ruhige Atempausen oder leichte Bewegungen können den parasympathischen Modus anregen und ein Gefühl von „Loslassen dürfen“ unterstützen.
Ein sanfter Übergang statt harter Vorsätze
Schnelle, strenge Vorsätze erzeugen oft inneren Druck und lassen unser Gehirn in einen Widerstandsmodus treten. Stattdessen kann ein sanfter Übergang hilfreicher sein, ein Satz wie „Ich möchte mehr Pausen einplanen“ oder „Ich möchte öfter achtsam atmen“ fordert kaum Widerstand und orientiert sich eher an einem inneren Wert als an einem strikten Soll.
Loslassen als Selbstfürsorge
Zusammengefasst ist Loslassen am Jahresende kein radikaler Abriss, sondern Selbstfürsorge: die bewusste Entscheidung, das Alte anzuschauen, zu würdigen und festzustellen, was wir wirklich weitertragen möchten, in unserem Tempo, ohne Perfektionsdruck.
Und wie gelingt Loslassen im Alltag ganz konkret?
Der obige Text zeigt, warum es wichtig und heilsam sein kann, am Jahresende Raum zu schaffen. Nun folgt der zweite Teil mit alltagsnahen Ideen und konkreten Methoden, wie dieser Prozess gestaltet werden kann, liebevoll, sanft und realistisch.
Reflexion statt Druck: Warum Loslassen jetzt wichtig ist
Der Jahreswechsel rückt näher und mit ihm die leise Einladung, innezuhalten. Vielleicht kennst du dieses diffuse Gefühl, dass da noch „etwas offen“ ist, bevor das neue Jahr beginnen darf. Oder du spürst einfach eine gewisse Müdigkeit, weil die letzten Monate viel von dir gefordert haben.
Das Loslassen am Jahresende ist kein symbolischer Akt, den wir „eben mal schnell“ vollziehen, es ist ein innerer Prozess, der Raum schaffen kann: für Klarheit, Ruhe und neue Ausrichtungen. Dabei geht es nicht darum, alles „aufzuarbeiten“ oder jedes ungelöste Thema zwingend zu klären. Vielmehr geht es darum, bewusst wahrzunehmen, was dich gerade noch beschäftigt und zu entscheiden, was du davon mitnehmen möchtest und was du vielleicht getrost hinter dir lassen darfst.
Loslassen kann bedeuten:
sich von innerem Druck zu verabschieden
sich von einer überholten Erwartung zu lösen
oder einfach nur einen schweren Gedanken aus dem ständigen Gedankenkreisen zu entlassen
Loslassen als innerer Übergang
Loslassen beginnt mit Erlaubnis. Mit dem Gedanken: „Ich muss nicht alles abschließen. Ich darf auch mit offenen Fragen weitergehen.“ Viele von uns tragen kleine und große „offene Baustellen“ mit sich: eine unausgesprochene Enttäuschung, ein Konflikt, der unter der Oberfläche brodelt, eine Entscheidung, die nie getroffen wurde. Unser Gehirn liebt geschlossene Kapitel und wenn es sie nicht bekommt, beschäftigt es sich immer weiter damit.
Eine kleine Methode:
Nimm dir 10 Minuten und notiere alles, was sich für dich noch „offen“ anfühlt, ganz ohne Anspruch auf Lösung. Allein das Sichtbarmachen kann entlasten. Vielleicht möchtest du anschließend drei Dinge markieren, die du bewusst nicht mitnehmen möchtest.
Manchmal hilft auch ein kleiner, symbolischer Akt:
Eine E-Mail schreiben, um sich zu verabschieden
Eine WhatsApp löschen, die man nie abgeschickt hat
Einen Zettel verbrennen oder zerreißen
All das kann helfen, etwas innerlich loszulassen, auch wenn die Situation im Außen vielleicht gleich bleibt.
Den Blick bewusst auf das Gute richten
Loslassen bedeutet nicht nur Abschied, es bedeutet auch Wertschätzung. Was durfte in diesem Jahr gut sein? Welche Begegnungen waren wohltuend? Welche Momente haben dich kurz ankommen lassen?
Hier geht es nicht um eine Bilanz im klassischen Sinne. Sondern um eine stille Erinnerung: „Auch wenn es schwer war, gab es Licht.“
Übung zur positiven Selbstverankerung
Nimm dir einen Moment Zeit und schreibe 5 Erlebnisse auf, die dir ein gutes Gefühl gegeben haben, egal, wie klein. Vielleicht war es ein Gespräch, ein Sonnenstrahl im Gesicht oder ein Spaziergang nach einem Streit. Verweile für einige Sekunden bei jeder Erinnerung.
Diese Momente dürfen mit dir weitergehen. Sie sind dein innerer Proviant.
Körper, Geist und Loslassen
Psychisch loszulassen gelingt oft erst dann, wenn auch der Körper mitmachen darf. Gerade nach einem emotional dichten Jahr sind viele von uns innerlich angespannt. Schultern hochgezogen, Gedanken kreisend, das Nervensystem ständig „on“.
Das Loslassen beginnt manchmal im Kleinen:
ein bewusster Atemzug mit längerem Ausatmen
eine Mini-Dehnung beim Aufstehen
eine warme Dusche mit dem Gedanken: „Ich lasse los, was nicht zu mir gehört.“
Kurze Übung: 4-7-8-Atemtechnik
Atme 4 Sekunden ein, halte den Atem für 7 Sekunden, atme 8 Sekunden aus. Wiederhole das 3–4 Mal. Diese einfache Technik aktiviert den parasympathischen Modus, den Teil deines Nervensystems, der für Regeneration zuständig ist.
Loslassen ist nicht nur ein mentaler, sondern ein körperlicher Zustand.
Ein sanfter Übergang statt harter Vorsätze
Gerade um den Jahreswechsel entstehen viele „Vorsatz-Gedanken“. Die Idee, mit dem neuen Jahr endlich „besser“ zu werden, kann aber auch Druck erzeugen: „Jetzt muss ich alles ändern.“ Doch das Gehirn wehrt sich oft gegen abrupte Veränderungen – es liebt Wiederholung, Routinen, Sicherheit.
Ein sanfter Weg kann sein, eher Werte zu benennen statt Ziele.
Nicht: „Ich will mehr Sport machen.“
Sondern: „Ich möchte gut für meinen Körper sorgen.“
Nicht: „Ich will weniger am Handy hängen.“
Sondern: „Ich wünsche mir mehr Präsenz für mein echtes Leben.“
Wenn du etwas ändern möchtest, darf es in kleinen, liebevollen Schritten passieren. Nicht aus Schuldgefühl, sondern aus Zuwendung zu dir selbst.
Loslassen als Selbstfürsorge
Loslassen ist ein Akt der Selbstfürsorge, nicht des Aufgebens. Es bedeutet:
✨ Ich muss nicht alles tragen.
✨ Ich darf entscheiden, was bleiben darf.
✨ Ich darf mich dem Neuen öffnen, auch wenn ich es noch nicht ganz kenne.
Vielleicht ist es in diesem Jahr kein großer Abschluss, sondern ein leiser Übergang.
Ein stilles „Danke“ an das, was war.
Ein zartes „Willkommen“ an das, was kommt.
Zum Schluss ein wichtiger Hinweis:
Dieser Beitrag möchte Impulse geben – keine pauschalen Lösungen. Jeder Mensch bringt eigene Erfahrungen und Voraussetzungen mit. Für manche ist Loslassen nicht einfach eine Entscheidung, sondern ein langfristiger Prozess, der professionelle Unterstützung braucht. Besonders bei tieferliegenden Belastungen oder psychischen Erkrankungen kann es hilfreich sein, sich an eine Fachperson zu wenden. Du musst damit nicht allein bleiben. 🤍


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